«Keine halben Sachen»

05.12.2022
4/2022

Das junge Unternehmerpaar Bettina und Christian Hirsig bildet Flüchtlinge und Migrantinnen mit IT-Kompetenzen aus und bringt sie in IT-Jobs. Verantwortung müsse man abgeben, und man müsse es aushalten können, dies zu tun, sagen die beiden.

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Bettina und Christian Hirsig, Sie beide haben Powercoders gegründet, Sie verhelfen damit hochqualifizierten Flüchtlingen zu einer beruflichen Integration und gleichzeitig einer ausgetrockneten Branche zu gesuchten Fachkräften. Haben Sie diesen Schritt auch getan, um selber eine gesellschaftliche Verantwortung zu übernehmen?

Das war unsere Hauptmotivation. Als wir 2016 Powercoders gründeten, haben wir uns Gedanken gemacht zur Rechtsform. Wir kamen schnell zur Einsicht, dass wenn man sich mit Steuergeldern und Spenden aus der IT-Industrie finanziert, es Sinn macht, gemeinnützig zu sein.

Warum ist und war Ihnen das wichtig?

Man könnte ja auch nur für sich schauen, wie die meisten. Wir glauben, dass wir Menschen auf der Welt sind, um zueinander zu schauen. Vielleicht haben wir dies aufgrund des Konsums etwas aus den Augen verloren. Uns macht aber eine Diplomfeier mit vielen glücklichen Absolvent*innen wesentlich glücklicher als eine neue Familienkarosse. 

Was war zuerst da? Eher der Wunsch, Flüchtlinge zu integrieren oder den Fachkräftemangel zu beheben? 

Ganz klar die Flüchtlinge. Bei unserem Umzug 2016 fiel uns auf, wie hochqualifiziert die Temporärmitarbeitenden der Umzugsfirma waren – in Sachen IT. Und wir sagten uns, es kann doch nicht sein, dass sich unsere Branche (Christian hatte eine eigene IT-Firma) über den Fachkräftemangel beschwert und gleichzeitig nicht fähig ist, diese hochqualifizierten Menschen zu integrieren.

Uns fiel auf, wie hochqualifiziert die Temporärmitarbeitenden der Umzugsfirma waren – in Sachen IT.

Bettina Hirsig

Wo gab es Hindernisse oder Hürden auf dem Weg von der Idee bis zur konkreten Umsetzung?

Das Wichtigste ist eine Startfinanzierung. Diese hatten wir aber aufgrund des guten Fits mit dem Migros- Kulturprozent der Migros Aare relativ rasch. Anschliessend ging es um den Aufbau eines schlagkräftigen Teams. Auch hier konnten wir auf unser Netzwerk zählen, hatten aber auch einfach ein bisschen Glück, was ein nicht zu unterschätzender Faktor ist. 

Gab es nicht viele administrative Herausforderungen, weil es sich um Geflüchtete handelte?

Nein, es war sogar ein Vorteil, sich auf eine Zielgruppe zu konzentrieren. Eine Herausforderung war jedoch die Integration von Asylsuchenden, da dies nicht vorgesehen, aber aufgrund der sehr langen Asylprozesse unbedingt nötig war. Die nationale Situation hat sich aber mit der Asylreform und der neuen Integrationsagenda stark verbessert. 

Frau Hirsig, Sie haben einmal gesagt, Sie möchten die Welt kreieren, in der Sie leben wollen. Wie sieht diese Welt aus?

In meiner Welt versuche ich, Herausforderungen aktiv anzupacken und die Situation ständig zu verbessern. Die Maximierung liegt dabei nicht auf dem Profit, sondern auf dem gesellschaftlichen Nutzen.

Wie setzen Sie diese selbstverantwortliche Haltung als Unternehmerin um? 

Powercoders ist für mich ein gutes Beispiel dafür. Wie beschrieben haben wir die Problematik der schwierigen Arbeitsintegration von Talenten erkannt und dies angepackt. Unser Engagement fokussiert dabei auf dem «Impact» für das jeweilige Individuum und sekundär auf die Gesellschaft. 

Können Sie sagen, was dies für das Führen von Mitarbeitenden in Ihrem Unternehmen bedeutet?

Wir sind soziokratisch organisiert und versuchen, jeder Rolle einen Zweck zu geben, der in Verbindung mit unserem Impact steht. So haben alle Mitarbeitenden im täglichen Wirken die Möglichkeit, wirkungsvoll zu sein. 

Was könnte jede*r Einzelne tun, damit sich diese Vision realisieren lässt?

Oftmals fühlt man sich ohnmächtig, besonders grossen Themen gegenüber, auf die man als Einzelperson wenig Einfluss hat. Deshalb finde ich es enorm wichtig, sich seines eigenen Wirkungskreises bewusst zu werden und diesen aktiv zu nutzen.

Können Sie ein konkretes Beispiel geben dafür?

Wir können das Asylgesetz in der Schweiz nicht ändern. Keinen Einfluss auf den Ausgang der Asylentscheide nehmen. Aber wir können uns beim kantonalen Migrationsamt für die Bewilligung eines Praktikums für eine bestimmte Teilnehmerin einsetzen.

Herr Hirsig, Sie arbeiten am liebsten in kleinen Teams, in denen jedes Teammitglied möglichst viel Eigenverantwortung übernimmt. Wie kann man diese Eigenverantwortung stärken?

Indem man Menschen hilft, Fähigkeiten zu entwickeln, und Verantwortung überträgt.

Es gibt für den Einzelnen und auch die Organisation bei der Verantwortungsübernahme nichts Schlimmeres als halbe Sachen.

Christian Hirsig

Was heisst das konkret?

Das Wichtigste ist die bewusste Akzeptanz von Verantwortung. Idealerweise sprechen Mitarbeitende konkret aus, wofür sie sich verantwortlich sehen und was die positiven und negativen Konsequenzen sein können. Wichtig ist auch, dass erkannt wird, wer von diesen Konsequenzen profitiert und wer darunter leiden könnte. Und nun geht es für mich als «Vorgesetzten» einfach darum, diese Verantwortungsabgabe auch auszuhalten, denn es gibt für den Verantwortungstragenden und auch die Organisation bei diesem Thema nichts Schlimmeres als halbe Sachen. 

Heisst Verantwortung übertragen einfach Aufgaben delegieren?

Nein, ganz klar nicht. Aufgaben delegieren ist die Weitergabe ohne Verantwortung und (Entscheidungs-) Kompetenz.  

Welche Tipps haben Sie da für andere Unternehmer, CEO und Führungskräfte?

Das ist sehr individuell. Wichtig ist, dass man den Prozess der Verantwortungsübertragung transparent macht und nicht auf halbem Weg umkehrt, sonst hat man mehr Schaden angerichtet.

Welche Auswirkungen hat dieser Führungsfokus auf die Unternehmenskultur?

Er steigert die Resilienz des Unternehmens, was in einer sich rasch wandelnden Welt umso wichtiger wird. 

Haben Sie Tipps für andere, wie Führungspersonen ihren Teams mehr Verantwortung übertragen könnten?

Erstens klären, ob Verantwortung getragen werden will, zweitens Fähigkeiten in den Teams aufbauen, drittens Verantwortung konsequent abgeben.

Aufgaben delegieren ist die Weitergabe ohne Verantwortung und (Entscheidungs-)Kompetenz.  

Christian Hirsig

Besonders für die Generation Z ist sinnstiftende Arbeit ein bedeutender Motivationsfaktor. Wie hält es diese Generation mit dem Thema Verantwortung?

Die Generation Z ist aus unserer Sicht bezüglich Übernahme von Verantwortung nicht gross anders als Generationen zuvor. Vielleicht hat sie gewisse Fähigkeiten, Stichwort Digitalisierung, welche die Übernahme von Verantwortung in gewissen Bereichen sogar beflügeln. 

Welche Bedeutung wird Ihrer Ansicht nach die Eigenverantwortung der Einzelnen in Gesellschaft und Wirtschaft in Zukunft erhalten?

Eigenverantwortung ist und war die Grundlage zu stabilen Strukturen, gerade wenn draussen ein garstiger Wind weht. Es könnte gut sein, dass in den nächsten Jahren der Wind in Gesellschaft und Wirtschaft noch etwas stärker weht. Ob Pandemie, Energiekrise oder Klimawandel. 

Was hat unsere Gesellschaft bereits, und was fehlt ihr noch auf dem Weg zu dieser Welt, in der Sie leben wollen?

Es muss ein Ruck durch die Gesellschaft gehen, wenn wir die Probleme der Zukunft lösen wollen. Der Klimawandel wird vermutlich die grösste Herausforderung, welche die Menschheit je gesehen hat. Nur wenn wir bereit sind, unseren Egoismus abzulegen und die Gemeinschaft über das Individuum zu stellen, haben wir eine Chance.

Was meinen Sie mit Egoismus ablegen ganz konkret? Sparen, Einschränken, Verzichten oder eher Gewohnheiten ändern und neue Technologien zu suchen?

Die meisten aktuellen Führungskräfte sind in einer Generation aufgewachsen, wo es immer nur ums «Mehr» ging. Mehr Gehalt, mehr Macht, mehr Autos, mehr Ferienwohnungen – einzig beim Golf-Handicap durfte es weniger sein. Im Ernst – waren Sie im Sommer 2022 ein bisschen draussen spazieren? Oder haben Sie vor Kurzem mal eine Gletscherwanderung gemacht?

Mir ist es ein Rätsel, wie man in einer solchen tragischen Situation nach vergünstigten Benzinpreisen schreien kann. Ein Team ist nur erfolgreich, wenn jedes Teammitglied den persönlichen Erfolg dem Teamerfolg unterordnet. Und dies gilt genauso für unsere Gesellschaft.  

 

Das Powerpaar hinter Powercoders

Bettina und Christian Hirsig (beide 42) sind Geschäftsführer des gemeinnützigen Vereins Powercoders, eines Berufsintegrationsprogramms für Flüchtlinge in der IT-Branche. Es bietet schweizweit Praktikums-, Ausbildungs- und Arbeitsplätze an. Nach einem dreimonatigen Programmierkurs vermittelt Powercoders den Teilnehmenden ein sechs- bis zwölfmonatiges Praktikum und unterstützt sie anschliessend bei der Suche nach einer Anschlusslösung. Zuvor gründete Christian Hirsig bereits die Start-ups Atizo und Tmrrw AG. Bettina Hirsig war zuvor unter anderem in der Lebensmittelbranche tätig und Mitbegründerin von Tmrrw AG.