Konflikte bei Puls 160

19.06.2022
2/2022
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Soll ein Schiedsrichter überhaupt konfliktfähig sein? Er kann ja das «Problem» mittels Karten lösen.

Mit Verlaub: Wer mit einer solchen Einstellung ein Spiel leitet, wird nicht lange Schiedsrichter bleiben.

Ein Schiedsrichter hat immer das letzte Wort. Von Dialog zu sprechen, wäre verfehlt. Je überzeugter und schneller man seine Pfiffe verkauft, desto weniger Konflikte gibt es. Ein Schiri darf seine Entscheide auch revidieren. Da fällt niemandem ein Zacken aus der Krone. Die Spieler schätzen es, wenn man sich nicht für unfehlbar hält.

Dennoch gelten eigene Bedingungen in einem Fussballspiel, und das gilt es zu berücksichtigen: Der Puls ist hoch, Testosteron und Adrenalin fliessen. Wenn ein Spieler die Hände verwirft nach einem umstrittenen Entscheid, ist das noch lange kein Konflikt, sondern eine Reaktion im Affekt. Wer als Schiedsrichter in solchen Fällen zu autoritär auftritt und jede Gefühlserregung unterbinden will, heizt die Stimmung nur unnötig auf. Die hohe Kunst der Schiedsrichterei ist es, den Balanceakt zu beherrschen zwischen Toleranz für Emotionen und konsequentem Durchgreifen.

Aus jedem Blickwinkel sieht eine Situation anders aus. Gegenseitiges Verständnis für unterschiedliche Wahrnehmung ist zwingend. Konflikte gibt es immer dann, wenn Entscheide nicht nachvollziehbar sind. Und auch da hat ein Schiedsrichter Spielraum: Soll ich die neue «Hands»-Regel anwenden, die niemand versteht? Soll ich Foul pfeifen, wenn alle schreien, obwohl ich selbst kein Foulspiel gesehen habe?

Mein Motto ist: Ich will die Regeln korrekt anwenden, aber mir nicht unnötig das Leben schwer machen. Denn ohne gesunden Menschenverstand steigt das Konfliktpotenzial.

 

Yves Krebs
Schiedsrichter und Mitte-Landrat Baselland