Mehr Labels für Verantwortung?

05.12.2022
4/2022

Zivilcourage ist eine ebenso noble wie undankbare Form, Verantwortung gegenüber menschlichen Werten wahrzunehmen. Diese Courage wird zusätzlich erschwert, seit soziale Medien die Mobilisierung beinahe beliebiger Gruppen mittels Empörungsbewirtschaftung ermöglichen. Längst zeigen sich viele Menschen überdrüssig, zu allem und jedem eine Meinung haben zu müssen. Sie brauchen Unterstützung.

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Seit wann braucht es Mut, eine Lüge beim Namen zu nennen? In der freien westlichen Welt spätestens seit der Tendenz zur Bubble- und damit Mob-Bildung kraft sozialer Medien im Internet. Denn wer hier auf eindeutige Falschmeldungen oder Behauptungen hinweist, sieht sich schnell der unkontrollierten Wut von Anhängern irgendwelcher selbst ernannter Wahrheitspächter ausgesetzt.

Heute muss man kein Trump oder Bolsonaro sein, um mit den richtigen Themen und Reizbegriffen eine Gefolgschaft hinter sich zu scharen, die sich fast in Echtzeit mobilisieren und mit den richtigen Triggern auf jeden missliebigen Widersacher hetzen lässt.

Die vermeintliche Demokratisierung der Medienwelt, der schrankenlose Zugang zu Öffentlichkeit für alle, hat sich in vielen Belangen als Bumerang nicht nur für die traditionellen Medien erwiesen. Sie hat den Zwang zum Stellungsbezug in Sphären hochgetrieben, in denen durchschnittlich engagierte Menschen schnell überfordert sein müssen: Persönliche Meinungen zu Themen wie Impfen, Flugreisen oder auch Thunfisch in Dosen werden zu Grundsatzbekenntnissen, mit denen man sofort die Zugehörigkeit zu einer Glaubensgemeinschaft (von meistens nur noch zwei) eingesteht.

Das ist nicht nur anstrengend, sondern gefährlich für die Demokratie. Mehr noch, es schwächt die Zivilgesellschaft, deren Selbstregulierung auf einem Minimum an gemeinsamen Werten beruht. Und das nur, weil in den unkontrollierten Plattformen ein Kontrollmechanismus fehlt, der offensichtliche Unwahrheiten von der Publikation fernhält – wie das Redaktionen in professionellen Medien seit jeher tun.

Stellungsbezug in einer polarisierten Welt

Vielmehr aber noch lässt sich heute mit dem steten Schüren von irrwitzigsten Verdachten eine Empörungs- und Unzufriedenheitsbewirtschaftung betreiben, die zumindest quantitative Erfolge (Follower! Kommentare! Klicks!) bringt und noch dazu von vielen der Plattformen (wie YouTube) ganz konkret monetarisiert und mit Geld belohnt wird. Das leistet einer Radikalisierung in praktisch jedem Thema Vorschub. Gemässigte Geister werden auch hier gezwungen, entweder eindeutig Position zu beziehen und die Polarisierung weiterzuarbeiten oder schlicht stumm zu bleiben.

Wo Greenpeace einst mit gewaltfreien, aber spektakulären Aktionen sozusagen die hehren Ziele des WWF übernahm, aber eben auch zusehends mit dem Zeigefinger auf Umweltverschmutzer, rücksichtslose Profitjäger und vielfach ungesetzlich agierende Konzerne zeigte, tummeln sich heute Gruppierungen jeglicher Interessenscouleur, die mit ähnlichen Aktionen und Aussagen zwar legitime, aber nur von einer Minderheit getragene Positionen der Allgemeinheit aufzwingen.

Plötzlich wird von uns allen mit ultimativen Forderungen verlangt, zu Dingen Stellung zu beziehen, die uns bisher nicht berührt und zu denen wir keinerlei Bezug haben.

Während ziviler Ungehorsam einst definiert wurde durch den Bruch einer alle betreffende Rechtsnorm eines Staates (wie durch die Suffragetten in England, die schwarzen Bürgerrechtler in den rassistischen USA oder auch Gandhi und seine Bewegung in Indien), werden jetzt die Ansichten einer rein durch ihre Gesinnung gebildeten Gruppe mit Protestaktionen der Allgemeinheit zur Entscheidung aufgedrückt. Das führt nicht immer zu der gewünschten Sensibilisierung und immer häufiger zu einer Trotzreaktion, weil durch die Radikalisierung der Aktionen ein Übel einem anderen untergeordnet werden muss.

Klimaprotest versus Strassenverkehr

Ist der Klimaprotest durch selbstgefährdende Strassenblockaden wichtiger als das Leben von Unfallopfern, die wegen eben dieser Blockaden nicht rechtzeitig versorgt werden konnten? Diese Frage stellte sich im November in Berlin, nachdem sich Aktivisten auf der Strasse festgeklebt hatten und die Rettungswagen angeblich deswegen nicht zu einer jungen Frau durchkamen, die von einem Laster überrollt worden war. Oder sollen Ärzte und Ärztinnen, die Abtreibungen vornehmen, um ihr eigenes Leben fürchten müssen, weil sie schliesslich Leben beenden?

Die Antwort auf die radikale Polarisierung kann nur eine Form der Zivilcourage sein, die den humanistischen Werten unserer demokratischen Gesellschaft und der ihr zugrunde liegenden Menschenrechte jederzeit Rechnung trägt. Unverzichtbare Grundlage dafür sind die Achtung vor der Menschenwürde und das, was man gemeinhin unter Anstand versteht. Und eben auch die Verpflichtung, immer dann die Stimme zu erheben, wenn diese Werte mit Füssen getreten werden. Das ist anstrengend und verlangt ein ständiges Abwägen.

Aber so, wie uns die Verantwortung als Konsumenten beim Verbrauch von nachhaltigem Holz oder delfinschonend gefangenem Thunfisch durch Labels und die entsprechenden Organisationen vereinfacht wird, müssen wohl inskünftig Fact-Checking-NGOs und Organisationen, welche die Menschenwürde hüten, Politiker, Medien, ja Parteien und Interessengruppen auf die gesellschaftliche Verträglichkeit hin labeln. Ein Anfang ist mit Organisationen wie dem Deutschen Faktenchecker correctiv.org, dem Schweizer Verein gegen Hass im Internet Netzcourage oder in Frankreich mit dem Netzwerk www.democratie-courage.fr getan.