Radikaler Wechsel

19.06.2022
2/2022

Die «grosse Kündigungswelle» nach der Pandemie soll dem in der Pandemie gereiften Wunsch vieler Menschen entspringen, mehr Sinnhaftigkeit in ihr Tun zu bringen. Für Daniel Lüscher trifft das voll zu: Den Traumberuf Linienpilot hat er an den Nagel gehängt, um sich der Arbeit zum Schutz des Klimas und der Umwelt zu widmen. 

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Immer wenn Daniel Lüscher als Linienpilot einmal pro Monat über Grönland flog und aus dem Cockpit auf die Erde schaute, fiel ihm etwas auf: Die Eisfelder waren um die Hälfte zurückgegangen. «Das waren Veränderungen des Klimawandels. Ich realisierte, dass unser Planet verletzlich ist.» Der Himmel, das Eis und der Schnee faszinierten Daniel Lüscher schon immer. Schon während der Pilotenausbildung hatte er sich ein wenig in unseren Blauen Planeten verliebt.

Ein Schlüsselmoment war für ihn, als er sich 2006 in New York mit der ganzen Crew Al Gores Film «An Inconvenient Truth» ansah. Der Film gab ihm in anderthalb Stunden die Erklärung für das, was er aus dem Cockpit gesehen hatte. «Mir fiel es wie Schuppen von den Augen. Ich wusste, dass ich nun selbst etwas tun musste», erinnert sich der 54-jährige Familienvater. Gemeinsam mit Freunden gründete Daniel Lüscher die Klimaschutzorganisation «My Blue Planet» und arbeitete zunächst weiterhin als Pilot.

Seine Passion, das Fliegen, wollte er nicht von heute auf morgen aufgeben. Mit der Zeit reduzierte er jedoch sein Pensum auf 50 Prozent. «Es war ein Prozess, und das Loslassen fiel mir nicht leicht», sagt Lüscher. Denn Pilot war sein Traumberuf: Schon als Kind hatte er die Uniform seines Onkels bewundert, der für die damalige Swissair flog. Daniel Lüscher studierte Elektroingenieur und entschloss sich 1995 zur Pilotenausbildung.

Heute trägt Daniel Lüscher statt der Pilotenuniformjacke ein an den Ärmeln hochgekrempeltes Hemd. Statt im Cockpit oder abends an der Hotelbar sitzt er im Winterthurer Co-Working-Space seiner Klimaschutzorganisation und büffelt am Abend für seinen MBA mit Vertiefungsrichtung Sustainability Management an der Universität Lausanne. Dort lernt er, was alles zu einem wirksamen Nachhaltigkeitsmanagement gehört und wie man es in den Unternehmen umsetzt.

Wir haben keine Alternative zu Netto-Null CO2

Daniel Lüscher, «My Blue Planet»

Seit März 2021 fliegt Lüscher gar nicht mehr und widmet nach eigenen Angaben «140 Prozent» seiner Zeit dem Klimaschutz. Auch wenn er einen ihm hohe Sicherheit bietenden Job mit viel «Fun-Faktor» und hohem Status hinter sich gelassen hat – bereuen tut er überhaupt nichts. Höchstens, dass er lange nicht den Mut hatte, diesen Schritt konsequent bereits früher zu machen. «Wir müssen jetzt alle Prioritäten setzen, mutiger werden und schneller in Richtung CO2 netto null gehen. Denn wir haben keine Alternative», sagt er, und seiner Stimme ist anzuhören, dass es ihm sehr ernst ist.

Als Pilot habe er gelernt, Verantwortung für 200 Passagiere zu übernehmen. «Aber jetzt geht es um den ganzen Planeten. Da steht wirklich jede und jeder in der Verantwortung», doppelt er nach. Von Schuldzuweisungen hält er hingegen nichts. Er sieht das pragmatisch: Alle sollten in ihrem Umfeld das verändern und verbessern, was sie können. Sei es mit weniger Fliegen, sei es mit der richtigen Unternehmensstrategie. Während des Gesprächs kommt Daniel Lüscher in Fahrt: Eigentlich hätten wir während der letzten anderthalb Jahre mit der Pandemie alle gelernt, wie wir ein globales Problem lösen können: Gelder sprechen, Prioritäten setzen. Selbst die CEO der weltweiten Top-Unternehmen hätten schliesslich den Klimawandel zum derzeit grössten Problem erklärt, noch vor den Thema Seuchen und nuklearer Weltkrieg.

Wenn ein Angestellter etwas bewegen kann, findet er Sinn und Befriedigung und bleibt länger.

Daniel Lüscher, My Blue Planet

Der ehemalige Pilot ist enttäuscht darüber, dass jetzt alle wieder zurück «ins Normale» wollen. Den Skeptikern, die Klimaschutz als zu teuer und zu aufwendig abwehren, sagt er: «Zu teuer ist Klimaschutz natürlich nicht: Man spart Energie, Rohstoffe, und es gibt weniger Fluktuation. Denn wenn ein Angestellter in einem Unternehmen etwas bewegen kann, findet er Sinn und Befriedigung und bleibt länger.» Genau diesen Ansatz verfolgt seine Organisation, für die er heute als Präsident tätig ist. Vorerst berät «My Blue Planet» in einer Testphase sechs Firmen, darunter eine Unternehmensberatung. Ab nächstem Jahr will Lüscher mit seinem Team im grösseren Stil Unternehmen beraten:

Zum Beispiel dabei, wie sie firmenintern Leute finden, denen Klimaschutz ein Herzensanliegen ist und die sich dafür engagieren wollen. In vielen KMU schlummere eine grosse Menge an Know-how. Mit dieser Win-win-Situation sei allen geholfen.

Auch persönlich hat Daniel Lüscher seine Triple-win-Situation gefunden. In die Ferien fahren er und seine Frau längst nur noch mit dem Zug. Auf der Bahnfahrt an die Côte d’Azur geniesst er das Picknick mit vorbeifahrender Aussicht sowie stundenlangem «Schiffe versenken»-Spielen mit seiner Tochter. Es hat sich für ihn gelohnt, aus der Komfortzone zu treten und mit dem Studium und der Klimaschutzarbeit Neues zu wagen und auszuprobieren. Für ihn ist es der einzige Weg. Es werde knapp, aber er glaube daran, dass die Unternehmen einander «anstecken» und nachhaltiger würden. Daniel Lüscher: «Wir haben gar keine andere Option, keinen anderen Flughafen, auf dem wir landen können, als die Erde.»