Unternehmen sind eigentliche «Anti-Bubbles»

12.09.2022
3/2022

Politikberater Andreas Müller findet es wichtig, dass die Leute wieder mehr miteinander reden. Der Programmleiter «Neue Narrative» des Think + Do Tanks «Pro Futuris» der Schweizerischen Gemeinnützigen Gesellschaft sagt, die Unternehmen würden jetzt schon einen wichtigen Anteil dazu beitragen – sie könnten aber noch mehr tun.

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Andreas Müller, was bedeutet für Sie persönlich Commitment?

Ich finde es wichtig, etwas zu einer besseren Gesellschaft beizutragen. Damit kann ich mich identifizieren, und das mache ich auch beruflich.

Unsere Gesellschaft hat sich in den letzten Jahren stark polarisiert – beobachten Sie das auch?

Die Polarisierung bestätigt sich in vielerlei Hinsicht – etwa im politischen Bereich, zum Beispiel zwischen Gesellschaft und Wirtschaft. Seit ein paar Jahren sehen wir, dass die Stimmbürger nicht mehr so wirtschaftsfreundlich abstimmen wie früher und sie entsprechende Vorlagen oft nur knapp annehmen. In grösseren Unternehmen wird zunehmend eine Polarisierung zwischen dem globalisierten Kader und den Mitarbeitenden sichtbar. Die Pandemie hat natürlich auch nicht geholfen.

Die Schweizerische Gemeinnützige Gesellschaft hat den Think + Do Tank «Pro Futuris» gegründet, um den gesellschaftlichen Zusammenhalt zu stärken. Hat das mit den letzten beiden Jahren zu tun, oder ist das gewachsen?

Die Rolle als Thinktank hat die SGG schon seit 1810, nur hat man sie damals nicht so genannt. Die SGG hat «Babys» entlassen, die heute bekannter sind als sie selbst: Im 20. Jahrhundert gründete sie die Pro Juventute, die Pro Senectute und die Pro Mente Sana. Die Menschen sahen Handlungsbedarf und wollten aktiv werden, ohne auf den Staat zu warten.

Wo ist der Handlungsbedarf heute?

Mit «Pro Futuris» wollen wir etwas für die demokratische Kultur tun. Weil die Politik heute polarisierter ist, muss die Zivilgesellschaft diese Rolle übernehmen. Die SGG ist als Player der Zivilgesellschaft auch dafür da. Wir gehen davon aus, dass auch die Wirtschaft ein neues Narrativ braucht – ein neues Selbstbild –, das sie als einen wichtigen Teil der Gesellschaft definiert. Wir sehen gerade heute, dass Demokratien nicht selbstverständlich sind. Die Wirtschaft profitiert von der Demokratie. Sie sollte deshalb ein wichtiger staats- und gesellschaftspolitischer Player sein und sich mitverantwortlich fühlen, dass wir eine funktionierende und lebendige Demokratie haben.

Es wäre besser, der Zersplitterung entgegenzutreten und mit andersartigen Leuten in Kontakt zu treten.

Viele Menschen bewegen sich in ihrer Bubble. Das macht es schwieriger, überhaupt miteinander zu diskutieren.

Ich sehe beide Seiten der Bubble: Sie ist gut, wenn man sie mit der Einsamkeit vergleicht. Weniger gut ist, dass die Menschen soziale Bezugspunkte zu Teilen der Gesellschaft verlieren, wenn sie nur noch mit Leuten korrespondieren, die ähnlicher Meinung sind. Besser wäre es, der Zersplitterung entgegenzutreten und mit andersartigen Leuten in Kontakt zu treten.

Wie könnte dies geschehen?

Es würde der Bubble-Bildung entgegenwirken, wenn unterschiedliche Leute aus ganz verschiedenen Milieus und Gruppen miteinander in Kontakt treten würden. Früher war dies vor allem in den Schulen und für Männer im Militär möglich. Heute – da alle in ihrer Social-Media-Bubble leben – haben diesbezüglich neu auch die Unternehmen eine wichtige Funktion. Sie könnten ein grösseres Verständnis dafür entwickeln, dass sie gerade hiermit einen Beitrag zur Gesellschaft leisten. Denn ein Unternehmen gehört noch zu den wenigen Orten überhaupt, wo Leute aufeinandertreffen, die ganz unterschiedliche Meinungen haben, und wo sich Menschen in Teams integrieren und vereinen.

Das reicht aber nicht – auch in Anbetracht der gehässigen Stimmung in vielen Internetforen.

Weiter könnten die Unternehmen gehen, indem sie gezielt den respektvollen Dialog fördern. In Deutschland gibt es etwa Unternehmensinitiativen gegen Hasskampagnen.

Was trägt sonst noch zum sozialen Kitt der Gesellschaft bei?

Jeder Sportclub oder Kulturverein leistet einen Beitrag. Auch in Meinungsbubbles kann man sich austauschen. Es ist die Aufgabe aller – der ganzen Gesellschaft –, zum sozialen Kitt beizutragen. Auf dem politischen Weg lässt sich das nicht einfordern. Die Politik mit ihren Hahnenkämpfen ist selbst oft Urheber der Polarisierung. Mit den Wahlen im nächsten Jahr wird das wohl eher noch zunehmen.

Es ist die Aufgabe aller – der ganzen Gesellschaft –, zum sozialen Kitt beizutragen. Auf dem politischen Weg lässt sich das nicht einfordern.

Was ist dem entgegenzusetzen?

Es könnte noch mehr von den Unternehmen selbst kommen, sofern sie ihre Rolle als «Anti-Bubbles» spielen können und wollen. Mit dem Ziel, die demokratische Kultur zu erhalten und etwas zur Diskussionskultur innerhalb des Unternehmens beizutragen.

Was können Führungskräfte tun, damit die Mitarbeitenden motiviert an das Unternehmen glauben?

Unternehmen müssen sich selbst als Teil der Gesellschaft, als «Corporate Citizenship», begreifen. Wenn das Unternehmen sich dieser Vorbildfunktion wirklich bewusst ist, sollte es den eigenen Mitarbeitenden sinnvollerweise auch ermöglichen, das eigene «Bürger:in-Sein» zu leben, also Zeit für ein Freiwilligenengagement oder eine Milizarbeit zur Verfügung stellen, falls dies gewünscht wird – etwa für ein politisches Amt.

Sie haben sich anhand der Studien «VoloWork» und «PoliWork» mit diesem Thema befasst. Wie beeinflusst dies das Commitment der Mitarbeitenden gegenüber dem Unternehmen?

Wenn die Mitarbeitenden spüren, dass das Unternehmen sie in ihrer gesamten Lebensrealität, als Teil der Gesellschaft und zum Beispiel Teil eines Fussballclubs oder als Milizpolitiker wahrnimmt, haben sie das Gefühl, verstanden zu werden. Dies führt vielleicht dazu, dass die Mitarbeitenden stolz sind, in diesem Unternehmen zu arbeiten. Unsere Umfragen haben ergeben, dass sich die Mitarbeitenden eine grössere Anerkennung vonseiten der Arbeitgeber wünschen. Die Miliztätigkeit hat einen viel grösseren Vorteil für die Unternehmen, als diese oft wahrnehmen.

Wer sich in einem Milizamt engagiert, ist geübt im Suchen von Kompromissen und Anerkennung von anderen Meinungen. Solche Menschen sind quasi ‹Anti-Bubble-Helden›.

Was zum Beispiel?

Wer sich in einem Milizamt engagiert, ist geübt im Suchen von Kompromissen und Anerkennung von anderen Meinungen. Solche Menschen sind quasi «Anti-Bubble-Helden».

Wie beurteilen Sie Teamanlässe wie gemeinsames Waldaufräumen?

Es ist ein Weg von Corporate Volunteering, aber kein Königsweg. Es kann sein, dass Sie mit dem Team einen Tag lang den Wald aufräumen gehen und die Hälfte der Leute keinen Bezug dazu hat. Es wäre wohl zielführender, einen Tag für eine individuelle freiwillige Tätigkeit freizugeben. Das Unternehmen soll nicht vorgeben, was gute Freiwilligenarbeit ist.

Welche Rolle werden VoloWork oder PoliWork – die Förderung des Einsatzes für politische Arbeit – Ihrer Ansicht nach in Zukunft spielen, wenn auch mehr Exponenten der Generationen Y und Z in der Arbeitswelt integriert sind?

Die Unternehmen werden sich mit ihrer Unternehmenskultur an die Motivationswelt der Mitarbeitenden anpassen und die Leute «abholen» müssen. Etwa indem sie mehr Homeoffice zulassen oder Zeit geben für Freiwilligenarbeit. So ziehen sie auch Leute mit einem breiteren Horizont an, die Welten kennen, die für ihr Fachgebiet nicht unbedingt nötig sind. Aber sie fliessen in die sozialen Kontakte innerhalb des Unternehmens ein. Bei den jungen Generationen spielt neben dem Anreiz «Geld» die Sinnhaftigkeit eine grosse Rolle. Und Freiwilligenengagement ist fast der Prototyp des «sensemaking».

«Pro Futuris»

Andreas Müller (lic.phil./MAES) ist selbstständiger Politikberater und Programmleiter «Neue Narrative» des Think + Do Tanks «Pro Futuris» der Schweizerischen Gemeinnützigen Gesellschaft (SGG). Das neue Zukunftslabor schafft Denk-, Debatten- und Experimentierräume für eine lebendige, handlungsfähige und resiliente Demokratie. In einem seiner Projekte geht es dort auch um ein neues, zeitgemässes Verständnis von «Corporate Citizenship». Zuvor war Andreas Müller Vizedirektor der Denkfabrik Avenir Suisse, wo er staats- und gesellschaftspolitische Projekte leitete.